LUZERN – Hans-Werner Sinn mahnt Europa: „Verteidigungsbund jetzt – oder wir werden Vasallen!“
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Angesichts eskalierender Konflikte in der Ukraine, unvorhersehbarer US-Politik und Weltmachtsphantasien großer Länder plädiert der angesehene Ökonom Prof. Hans-Werner Sinn für einen radikalen Schritt: einen Europäischen Verteidigungsbund (EDF) mit gemeinsamer Armee, zentralem Oberkommando und sozialisierten Streitkräften.
In seinem Vortrag am 24. April 2026 am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) der Universität Luzern warnte der ehemalige ifo-Präsident:
„Die Weltlage ist brenzliger als die Kubakrise. Europa existiert sicherheitspolitisch nicht.“
Europa steht für Sinn am Scheideweg: Wird Sinns Vision Wirklichkeit, oder wiederholt sich die Geschichte? Der Ökonom mahnt: Zeit zum Handeln ist jetzt.
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Ein brillanter Ökonom versucht sich in Außen- und Sicherheitspolitik
Sinn eröffnete seinen 45-minütigen Vortrag mit einer düsteren Bilanz (auch hier): Der Ukraine-Krieg sei ein Stellungskrieg mit Angriffen auf Zivilisten und Infrastruktur. Russland halte besetzte Gebiete (Krim seit 2014, Ostukraine seit 2022) und könne weiter vordringen – etwa in russischsprachige Regionen des Baltikums wie Riga. Eskalationen im Libanon und Iran verstärkten die Bedrohung.
Besonders alarmierend ist für ihn: Die Unvorhersehbarkeit der Politik der USA unter US-Präsident Trump. Der Präsident drohe mit Zöllen bis 140 Prozent auf China, Annexionen (Kanada „gehört zu den USA“, Grönland fast erobert) und NATO-Austritt. „Europäer sollen Russland selbst verteidigen“, zitiert Sinn Trump. Nicht einmal die Schweiz ist sicher, trotz ihrer Neutralität, denn
Historische Lektionen: Warum frühere Versuche scheiterten
Sinn blickt auch auf das zurück, was er als „verpasste Chancen“ bezeichnet:
- 1952: Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EDG) – Ratifiziert von Deutschland, Italien und Benelux, von Frankreich blockiert.
- 1980er: Kohl-Mitterrand-Deal – Helmut Kohl wollte eine politische Union inklusive Verteidigung, bot die D-Mark für französischen Schutz. Mitterrand trickste: „Deutsche wollen Kooperation – sie akzeptieren Monetärunion“ (Attali-Tagebuch). Ergebnis: Euro als „Mittel zur politischen Integration“, aber keine Militärunion. 1989/90 tauschte Mitterrand Einheit Deutschlands gegen Euro-Fixierung – Kohl ließ sich „täuschen“.faz.net
Sinns Vision: Europäischer Verteidigungsbund als Föderallösung
Sinns Vorschlag: EDF – unabhängig von EU, wie EZB.
- Subsidiarität (Wallace Oates, Tocqueville): Zentrale Verteidigung (Skaleneffekte), dezentrale Bürgernähe. Sozialisierung der Armeen – keine nationalen Kräfte mehr, nur Polizei. Eingebettet in NATO-Befehlsstrukturen.
- Struktur: Gemeinsames Oberkommando und Beschaffung; Verteidigungsparlament (70 Abgeordnete, bevölkerungsproportional); gewählter Präsident über Oberbefehlshaber.
- Kosten: 3,5 Prozent BIP (NATO-Ziel, äquivalent 7 MwSt.-Punkte, neutral durch Einsparungen).
- Teilnehmer: EU-/NATO-Staaten (UK als Brücke? Schweiz optional). Dreigestirn: EU (Handel), EZB (Geld), EDF (Verteidigung).
Vorteile: Sofortige Abschreckung („eine Stimme“ wie USA); Trump respektiert Stärke; Putin zuckt zurück. Keine neuen Waffen nötig (z. B. FCAS erst 2045).hanswernersinn.de
Kernargument 1: USA-Finanzkrise treibt Aggression
Sinn erklärt Trumps Kurs ökonomisch: Die USA stünden vor dem Konkurs. Die Zinslast verschlinge 13,8 Prozent des Bundeshaushalts (mehr als Verteidigungsausgaben!), die Nettoauslandsposition liege bei minus 275 Billionen Dollar (88 Prozent des BIP). „Kapitalflucht und Bankenpleiten drohen.“ Dies führe zu Ressourcen-Deals: Sanktionen gegen Russland pumpten 600 Milliarden Dollar fossiler Energie in die US-Wirtschaft; Ukraine-Rohstoffe (15 Billionen Dollar Wert) brächten den USA 2 Billionen Gewinn – bei nur 130 Milliarden Ausgaben. Dies sei ein
Und wo ist Europa?
„Nicht existent – uneinig und schwach.“
Kernargument 2: Fragmentierung tötet Effizienz
Heutige EU: „Nervöse Hühner.“ Inkompatible Waffensysteme (EU-NATO: 17–29 Typen pro Kategorie vs. USA: 1–6) verursachen Babel-Kosten. Macrons Eurobonds (Februar 2026) finanzierten nationale Aufrüstung – verstärken Fragmentierung.faz.net
Kernargument 3: Machbar und wirtschaftlich
„Schnell wie der Euro (3–4 Jahre).“ Erste Schritte: Koalition der Willigen (Baltikum, Nordics, Benelux, Deutschland, Polen) – Druck auf Frankreich. Naumann-Vorschlag für Eingreiftruppe als Auftakt. Doppelstrategie: Abschrecken + Handel (Kant: Handel = Frieden).
Q&A: Keine Nase herumführen lassen
Im anschließenden Diskurs mit dem Moderator betonte Sinn:
- Keine Atomwaffen für Deutschland,
- keine Macron-Köder wie Eurobonds.
Für die Schweiz: Bewaffnete Neutralität, aber EDF als Schutz.
„Ohne Union bleibt Europa Vasall der USA oder Opfer Russlands.“iwp.swiss
Sinns Appell stößt auf Resonanz: In FAZ-Interviews fordert er eine politische Union mit eigener Armee.faz.net In seinem neuen Buch
„Europa jetzt neu gründen“
(Herder, 2025) vertieft die Thesen.hanswernersinn.de
Wir meinen: Prof. Sinn sollte sich wieder auf die Ökonomie besinnen
Aus unserer Sicht handelt es sich hierbei um einen nicht zu Ende gedachten Schreibtischvorschlag eines Professors, der einen gedanklichen Ausflug in fachfremde Gebiete unternimmt.
An Sinns Überlegung, dass Wirtschaftsmächte ihre Rohstoffzufuhren sichern müssen, in letzter Konsequenz auch militärisch, ist nichts auszusetzen.
Sinn macht jedoch den Fehler zu behaupten, dass kleine Länder automatisch unter die Mühlen der großen Länder geraten. Diese Überlegung ist Unfug, wie das von Frankreich umgebene Monaco, das von Italien Umgebene St. Marino oder der Vatikan Staat belegen. Das selbe gilt auch für andere kleinere Länder, wie die Schweiz, Island etc. Keines dieser Länder ist von ihren Nachbarn ursupiert worden und deren Bewohnern geht es meist besser, als den Bewohnern großer Länder. Die Länder benötigen lediglich eine Regierung, die ihre Länder aus Kriegen heraushält und im Falle eines externen Angriffs die Fähigkeit und den Willen hat, die Aggression durch eine Unabhängigkeitsbewegung wieder umzukehren, idem man dem Besatzer die Besatzung so teuer wie möglich macht.
Hinzu kommt die von Sinn völlig ignorierte Komponente, dass in einem solchen Gebilde – erfahrungsgemäß – die Franzosen auf allen Wegen versuchen sich die Herrschaft anzueignen, um dann nicht-französische Einheiten in die vorderste Linie zu schicken, um so die eigenen Landsleute vor de Tod zu bewahren .
Nein, das von Sinn entworfene, romantische. Gedankengebäude wird in der europäischen Praxis nie funktionieren. Er wird aus den selben Gründen nicht funktionieren, aus denen heraus die EU nicht funktioniert: Die Mehrheit der Kleinen Schwachen wird die Chance nutzen, um sich am Großen zu bereichern. Eine Mentalität, die insbesondere im Club Med der EU vorherrscht, wie man beim Umgang mit EU-Geldern erkennen kann, von denen in Italien 150 Milliarden verschwunden sind und in Spanien zig Millionen.


